[Intro] [Links ein glattes E-Piano, rechts ein trockener Straßenbeat; beide bleiben zunächst getrennt.] Auf der einen Seite Glas, auf der andern nasser Putz. Hier bewacht man eine Einfahrt, dort den eignen Rucksack. Hundert Meter, gleiche Straße, gleiche Postleitzahl. Doch der Morgen fällt verschieden auf zwei Klassen, eine Stadt. [Verse 1] An der Ecke wächst ein Neubau, neun Geschosse, Dach mit Baum. Unten steht in goldnen Lettern „Urban Living, weiter Raum“. Amir stellt die warme Tüte für den fünften Stock bereit. Durch den Haupteingang darf er nicht, der Lastenaufzug bleibt. Seine Jacke tropft auf Fliesen, die man zweimal täglich pflegt. Auf dem Display zählt die Plattform jede Pause, jeden Weg. Oben tippt ein Kunde ungeduldig auf die Lieferzeit. Unten schiebt Amir sein Fahrrad wieder in die Dunkelheit. [Chorus] Zwei Klassen, eine Stadt, ein Gehweg, zwei Welten. Hier Portier und Dachterrasse, dort die Schlange vor den Zelten. Zwei Klassen, eine Stadt, dieselbe kalte Nacht. Auf der einen Seite Aussicht, auf der andern wird bewacht. Zwei Klassen, eine Straße, Türen teilen den Asphalt. Was als Wachstum oben glänzt, wird unten täglich kalt. [Verse 2] Gegenüber öffnet die Tafel, Nummern werden ausgegeben. Eine Frau in Bürokleidung zieht die Kapuze vor ihr Gesicht. Fester Job und trotzdem Hilfe, Brot in einer Stofftasche. Neben ihr hält eine Rentnerhand den letzten Platz in einer Schlange. Zwischen beiden Straßenseiten rollt ein schwarzer Wagen vor. Eine Maklerin erklärt den aufgewerteten Korridor. Hinter ihr verspricht ein Banner: „Hier entsteht ein neues Wir.“ Demirs altes Fenster spiegelt klein im Bauvisier. [Pre-Chorus] Ungleichheit trägt keine Farbe, wohnt nicht irgendwo entfernt. Sie steht auf derselben Straße, nur durch eine Tür getrennt. Eine Stadt kann heller werden und zugleich an Wärme spar'n. Wenn der Wert der neuen Fassade alte Namen übermalt. [Chorus] Zwei Klassen, eine Stadt, ein Gehweg, zwei Welten. Hier Portier und Dachterrasse, dort die Schlange vor den Zelten. Zwei Klassen, eine Stadt, dieselbe kalte Nacht. Auf der einen Seite Aussicht, auf der andern wird bewacht. Zwei Klassen, eine Straße, Türen teilen den Asphalt. Was als Wachstum oben glänzt, wird unten täglich kalt. [Verse 3] Richtung Zentrum schneiden Kräne ihre Linien durch das Grau. Unter einem Baugerüst liegt eine Decke ohne Namen. Eine Kita sucht Personal, das sich den Stadtteil leisten kann. Eine Bäckerei schließt montags, nebenan schenkt die neue Bar aus. Amir sitzt drei Minuten auf dem Randstein vor dem Haus. Zieht die nassen Handschuhe aus und rechnet seine Schichten aus. „Alle sehen mich an Türen, keiner sieht den Weg davor. Bin ich krank, bin ich nur offline.“ Dann vibriert sein Telefon. [Bridge] Der Mann vom Eingang sieht Amir, winkt ihn diesmal vorne rein. Keine große Wendung, nur ein kleiner Fehler in dem Schein. Oben nimmt die Kundin wortlos ihre Tüte aus der Hand. Unten fehlt bei der Verteilung schon das Öl für nächsten Samstag. [Instrumental Break] [Die getrennten Beat-Hälften verschieben sich langsam in denselben Takt.] [Final Chorus] Zwei Klassen, eine Stadt, ein Gehweg, zwei Welten. Hier Portier und Dachterrasse, dort die Schlange vor den Zelten. Zwei Klassen, eine Stadt, dieselbe kalte Nacht. Doch auf beiden Seiten wird das Leben von denselben Händen gemacht. Zwei Klassen, eine Straße, jede Tür trägt ihren Preis. Diese Stadt gehört auch denen, die sie tragen durch die Nacht. [Outro] Amir steigt wieder aufs Fahrrad, rotes Rücklicht, nasser Wind. Vor der Tafel wird geschlossen, weil die Kisten leerer sind. Über beiden Seiten drehen sich die Kräne durch das Grau. Eine Stadt wächst in den Himmel. Wer wächst mit, bleibt offen.